[Event "World-ch31-KK2 Kasparov-Karpov +5-3=16"]
[Site "Moscow"]
[Date "1985.10.15"]
[Round "16"]
[White "Karpov, Anatoly"]
[Black "Kasparov, Garry"]
[Result "0-1"]
[Annotator "Lutz,Christopher"]
[ECO "B44"]
[WhiteElo "2720"]
[BlackElo "2700"]
[WhiteFideId "-1"]
[WhiteFideId "-1"]
[PlyCount "80"]
[EventDate "1985.09.03"]
[EventType "match"]
[EventRounds "24"]
[EventCountry "URS"]
[SourceTitle "100 Jahre Schach"]
[Source "ChessBase"]
[SourceDate "2000.04.19"]
[SourceVersion "1"]
[SourceVersionDate "2000.04.19"]
[SourceQuality "1"]
{[%evp 0,80,20,40,27,29,31,17,7,11,19,14,-1,22,1,6,-8,4,13,21,118,8,41,32,47,36,40,113,35,22,14,0,8,34,-15,-87,85,-85,-56,-144,65,-102,-83,-40,-114,-89,-77,-74,-74,50,-145,-163,-177,-207,-1,-220,-136,9,-151,-199,-99,-257,-354,-384,-338,-455,-312,-381,-290,-501,-520,-502,-546,-355,-543,-559,-445,-981,-29986,-29997,-29994,-29995,-29996] Im zweiten WM-Kampf stand es nach 15 Partien 7½:7½, Kasparov musste also aus den verbleibenden neun Partien mindestens fünf Punkte holen, um seinem Erzrivalen Karpov den WM-Titel abzunehmen. Einen Grundstein zu seinem Matchsieg legte er in der nachfolgenden Partie. Selten mußte Karpov als Weißer eine derart vernichtende Niederlage hinnehmen, mir persönlich fällt als vergleichbarer Fall nur die Begegnung zwischen Karpov und Kasparov in Linares 1993 ein. Bei meinen Kommentaren habe ich mich auf die folgenden Quellen gestützt: 1) Kasparovs Kommentare im Informator 40/202; 2) Graham Burgess' Kommentare in "The World's Greatest Chess Games" von Burgess/Nunn/Emms.} 1. e4 c5 2. Nf3 e6 3. d4 cxd4 4. Nxd4 Nc6 5. Nb5 d6 6. c4 Nf6 7. N1c3 a6 8. Na3 d5 $6 {Dieses Bauernopfer wurde in der Presse das "Straßenbahn-Gambit" genannt. Warum? Der Erfinder Andras Adorjan, zu jener Zeit Kasparovs Sekundant, hatte diese Idee während einer Fahrt mit der Straßenbahn! Objektiv ist 8...d5?! nicht korrekt, wie uns die Anmerkung zum 12. Zug von Weiß zeigt, aber die Schachwelt sollte Karpov dankbar sein, dass er nicht die Widerlegung fand. Dabei hatte Kasparov diesen Zug bereits in der 12. Partie des Matches angewandt und ein kurzzügiges Remis erreicht. Es spricht für Kasparovs Mut (und auch gegen Karpovs Vorbereitung), dass die Variante ein zweites Mal aufs Brett kommt und zu einem glänzenden schwarzen Sieg führt.} 9. cxd5 exd5 10. exd5 Nb4 11. Be2 (11. Bc4 Bg4 12. Be2 Bxe2 13. Qxe2+ Qe7 14. Be3 Nbxd5 15. Nc2 Nxe3 16. Nxe3 Qe6 17. O-O Bc5 18. Rfe1 O-O {mit Remsisschluss geschah in der zuvor erwähnten 12.WM-Partie.}) 11... Bc5 12. O-O $6 {Nicht die beste Wahl.} ({Einige Zeit später fand Karpov den richtigen Zug:} 12. Be3 $1 {widerlegt das Gambit und ist der Grund, dass 8...d5?! nicht mehr gespielt wird. Nach} Bxe3 13. Qa4+ Nd7 14. Qxb4 Bc5 15. Qe4+ Kf8 16. O-O b5 17. Nc2 {hatte Weiß in A.Karpov-J.Van der Wiel (Brussels 1986) einfach einen Bauern mehr, mit klarem Vorteil. Trotzdem scheint dies nicht Karpovs Variante zu sein, denn letztlich gelang ihm nur ein Unentschieden.}) 12... O-O 13. Bf3 {Karpov klammert sich an den ?d5, aber der Läuferzug schwächt das Feld d3, wie gleich deutlich wird.} ({Besser ist es, den Mehrbauern zurückzugeben und eine kleine Initiative zu behalten:} 13. Bg5 Nbxd5 14. Nxd5 Qxd5 15. Qxd5 (15. Bxf6 Qxd1 16. Rfxd1 gxf6 $11 {wird von Kasparov als Ausgleich eingeschätzt.}) 15... Nxd5 16. Bf3 Be6 17. Rfd1 Nf6 18. Rac1 $14 {mit weißem Vorteil in D.Barbulescu-H.Wirthensohn (Mannschafts-WM Luzern 1985)}) 13... Bf5 14. Bg5 Re8 $1 {Wie ein roter Faden zieht sich das Thema der Prophylaxe in dieser Partie durch Kasparovs Spiel. Wie auch später in den Zügen 21, 24 und 27 konzentriert Kasparow seine Bemühungen auf die Störung des gegnerischen Figurenspiels.} (14... b5 $2 {ist dagegen überhastet, denn} 15. Be4 $1 {würde einen Strich durch das schwarze Spiel machen.}) 15. Qd2 b5 $1 {Bis zum Schluss der Partie werden die weißen Springer kein Bein mehr auf die Erde bekommen.} 16. Rad1 (16. Qf4 Bg6 17. Bxf6 Qxf6 18. Qxf6 gxf6 {(Kasparov) führt zum Ausgleich, aber das war Karpov anscheinend nicht genug. Hätte er geahnt, dass er nur fünf Züge später bereis um das nackte Überleben kämpft ...}) 16... Nd3 $1 {Dieser Springer lähmt das weiße Spiel. In der Folge dreht sich alles darum, ob Weiß den Springer herauswerfen kann.} 17. Nab1 $2 {Während Schwarz bislang "nur" Kompensation für den Bauern hatte, nimmt nun seine Initiative beträchtliche Größe an. In der Folge läßt Kasparov seinen Gegner nicht wieder ins Spiel zurückkommmen.} (17. d6 $1 {ist absolut erzwungen. Kasparov analysiert:} Qxd6 (17... Ra7 18. Nd5) (17... b4 $2 18. Bxa8 Qxa8 19. Na4 bxa3 20. Bxf6 gxf6 21. Nxc5 Nxc5 22. Qd5 $18) 18. Bxa8 Rxa8 $44 {, und Schwarz hat gutes Spiel für die Qualität, aber nicht mehr.}) 17... h6 $1 18. Bh4 b4 19. Na4 $6 (19. Ne2 $5 {kam vielleicht in Betracht. Kasparov gibt} g5 20. Bxg5 Nxf2 (20... hxg5 $2 21. Qxg5+ Bg6 22. Rxd3 $18) 21. Rxf2 Bxf2+ 22. Kxf2 hxg5 23. Qxg5+ Bg6 {mit schwarzem Vorteil an, aber Burgess weist darauf hin, dass nach} 24. Nd2 {Weiß 25.Sf4 droht und die Partie noch nicht entschieden ist.}) 19... Bd6 {Wie Kasparov schreibt, hatte er diese Stellung bereits in der häuslichen Analyse auf dem Brett ! Dies gibt einen Eindruck von Kasparovs Eröffnungsvorbereitung, die nach wie vor ohne Parallele im Weltschach ist.} 20. Bg3 Rc8 21. b3 {Die Idee ist offensichtlich 22.Sb2, aber Kasparov hat noch einen Pfeil im Köcher.} g5 $1 22. Bxd6 (22. Nb2 $2 Nxb2 23. Qxb2 g4 24. Be2 Rc2 $19) 22... Qxd6 23. g3 {Nun hat der Läufer ein Rückzugsfeld, aber gleichzeitig wird das Feld f3 geschwächt. Der nächste schwarze Zug nutzt dies auch.} Nd7 $1 24. Bg2 {Schweren Herzens wird Karpov einsehen müssen, dass er den ?d3 nicht mehr so schnell los wird.} (24. Nb2 {wird nämlich brillant widerlegt, wie Kasparov zeigt:} Qf6 $1 25. Nc4 (25. Nxd3 Bxd3 26. Qxd3 Ne5 $1 {und Weiß verliert die Dame.}) 25... N7e5 26. Be2 (26. Nxe5 Nxe5 27. Bg2 (27. Be2 Bd3 $19) 27... Bd3 28. Rfe1 (28. f4 Rc2 29. Qe3 Bxf1 30. Rxf1 Nf3+ $1 31. Qxf3 Ree2 $19 {(Burgess)}) 28... Nf3+ 29. Bxf3 Qxf3 30. Rxe8+ Rxe8 31. Qxd3 Re1+ 32. Rxe1 Qxd3 $19) 26... Bh3 {Kasparov schließt hier die Variante mit dem Urteil, dass Schwarz gewinnt. Burgess führt diese Variante noch etwas weiter:} 27. Nxe5 Nxe5 28. f4 Qb6+ 29. Rf2 Ng4 30. Bxg4 Bxg4 31. Re1 Rxe1+ 32. Qxe1 gxf4 33. gxf4 Bf3 34. d6 Ba8 {Gemäß Burgess wird den langfristigen Drohungen gegen den weißen König schwer zu widerstehen sein.}) 24... Qf6 $1 {Damit ist 25.Sb2 verhindert.} 25. a3 a5 26. axb4 axb4 27. Qa2 {Wenn Karpov, ein unbestrittener Meister des Figurenspiels, derartige Züge macht, muss es um die weiße Stellung einfach schlecht stehen.} Bg6 $1 {Einmal mehr Prohylaxe. Mit seinem letzten Zug beabsichtigte Weiß 27.?d2, was nun wegen 27...?e2 mit direkten Angriff gegen f2 unmöglich ist.} 28. d6 {Obwohl es nicht so aussieht: Weiß hat immer noch einen Mehrbauern...} g4 {... den Schwarz jedoch verschmäht und stattdessen weiteren Raum am Königsflügel gewinnt.} (28... Qxd6 $2 29. Nd2 {(Kasparov) gibt Weiß noch etwas Luft zum Atmen.}) 29. Qd2 {Offensichtlich hat Weiß keine Idee mehr.} Kg7 {Schwarz braucht sich nicht zu beeilen.} 30. f3 {Öffnet die Stellung für die schwarzen Figuren, aber was sonst.} (30. f4 Bf5 $1 {(Kasparov), und Weiß ist nach wie vor vollständig paralysiert. Schwarz kann als Nächstes ...h6-h5-h4 spielen.}) 30... Qxd6 31. fxg4 Qd4+ 32. Kh1 Nf6 $1 {Ein Springer auf d3 ist Kasparov nicht genug, auch sein Kollege will mitwirken. Es droht 33...?xg4 oder 33...?e4.} 33. Rf4 Ne4 34. Qxd3 {Endlich ist der Schreckensspringer gefallen, aber zu welchem Preis !} Nf2+ 35. Rxf2 Bxd3 36. Rfd2 Qe3 $1 {Energisch bis zum Schluss. Zwar hat Weiß drei Figuren für die Dame, aber seine Grundreihe ist schwach.} 37. Rxd3 Rc1 $1 38. Nb2 (38. Rxe3 Rxd1+ 39. Bf1 Rxe3 $19) 38... Qf2 39. Nd2 Rxd1+ ({Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass nach} 39... Re2 $1 {Schwarz im nächsten Zug auf g2 oder h2 mattsetzt ...}) 40. Nxd1 Re1+ {...aber auch so hat Karpov nichts mehr lachen. Sicherlich ist dies eine der besten Partien der Schachgeschichte.} 0-1